15.7.17

wenn die nacht am tiefsten isT

in deutschland bin ich manchmal gefragt worden, ob ich in kolumbien in einer sternwarte arbeite. und ja, der begriff observatorium ist im deutschen sprachgebrauch irgendwie irreführend. sternwarte, wie? sternwarte, was? also bitte, hab ich gedacht, nix sternwarte. zwischendurch kam mir aber auch immer mal wieder der gedanke: sollte das ganze astronomischer sein als angenommen?

tiefschwarze nächte sind gewissermaßen die voraussetzung einer jeden sternwarte. der idee, ein soziales observatorium für den kolumbianischen pazifikraum ins leben zu rufen, lag 2002 die erfahrung engagierter kirchenfrauen - und männer zugrunde, dass die pazifikregion derer nächte viele hat.

eine der dunkelsten hatte just am 2. mai 2002 im bezirk bojayá (chocó) ihren zenit überschritten. seit april hatte es gefechte zwischen den bewaffneten blöcken josé maría córdoba der farc (revolutionäre streitkräfte kolumbiens) und élmar cárdenas der paramilitärs gegeben. als diese sich schließlich am 1. mai nach bellavista, ins urbane zentrum von bojayá, verlagerten, flohen die menschen in die kirche, eines der wenigen steingebäude, das schutz versprach. die farc begannen gaszylinderbomben in richtung schule zu werfen, dorthin, wo die paramilitärs sich aufhielten. eines der geschosse landete auf der angrenzenden kirche, explodierte genau über dem altar und riss 41 frauen und 38 männer, zivilisten, in den tod.

das bistum quibdó, die vereinten nationen und die staatliche einrichtung zum schutz der zivilbevölkerung hatten der regierung seit april frühwarnhinweise zukommen lassen. darin informierten sie über die paramilitärische präsenz in der region und warnten vor gefechten mit der farc, die drohten inmitten der zivilbevölkerung ausgetragen zu werden. als es dann zu der katastrophe kam, griff niemand ein.

nichts gesehen? nichts gehört? oder schlichtweg nicht gewollt?

alt

schulterschlusS

massaker hat es in kolumbien einige gegeben. das in bojayá war allerdings exemplarisch für die gleichgültigkeit, die der kolumbianische staat der bevölkerung im pazifik, die zu 90% afrokolumbianisch, zu 6% indigen und zu 4% mestizisch ist, entgegenbringt. 7.000 menschen flohen im anschluss an das geschehen aus bojayá, mehrheitlich nach quibdó. viele von ihnen sind bis heute nicht in ihre heimat zurückgekehrt, und bis heute wurde für das geschehen niemand zur verantwortung gezogen.

daraufhin beschlossen die fünf bistümer quibdó, istmina-tadó, guapi, buenaventura und tumaco gemeinsam mit den afro- und indigenen organisationen des pazifikraums, misereor in deutschland ein projekt vorzuschlagen, welches die helfer im dienst der kirche bei ihrer aufgabe, die vom bewaffneten konflikt traumatisierte bevölkerung zu begleiten, sprich bei traumabewältigung und existenzaufbau zu helfen, unterstützen sollte – unterstützung für die unterstützer. außerdem wollte man alternativ zu dem der vereinten nationen einen lagebericht zur situation der menschenrechte vorlegen. die absicht war, öffentlich zu machen, was tatsächlich am pazifik vor sich ging, um den staat an seine pflichten gegenüber der dort lebenden zivilbevölkerung zu erinnern.

ja, der staat hat pflichten. der schulterschluss von kirche und indigenen sowie afrokolumbianischen organisationen zu einer regionalen koordination des kolumbianischen pazifikraums (coordinación regional del pacífico colombiano) war das resultat der 92er jahre. ein jahr zuvor hatte kolumbien eine neue verfassung verabschiedet, in welcher der staat nicht nur seine plurikulturalität anerkannte, sondern sich zudem verpflichtete, die wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen rechte seiner bürger zu (ver)wahren. die regionale koordination wollte genau diese rechte nun im auge behalten und ging davon aus, dass sie als union unter fünffacher bischöflicher schirmherrschaft eine stärkere stimme haben würde.

alt [karte © human rights everywhere]

das massaker von bojayá, der schmerz und die willkür der gewalt hatten diesen zusammenschluss gestärkt. gleichzeitig war deutlich geworden, es brauchte konkrete mechanismen und strategien, um der teilnahmslosigkeit des staates entgegenzuwirken, daher bat man bei misereor um finanzielle unterstützung. und als aus dem vorgelegten alternativen menschenrechtsbericht einige zeit später hervorging, wie alarmierend die situation an der pazifikküste wirklich ist, wurde 2010 das observatorium geboren.

die warte sollte also ein mechanismus sein, die menschenrechtslage am pazifik im auge zu behalten. eine majestätische, weiße kuppel auf einer anhöhe mit blick über den pazifik... falsch. das observatorium hat zwar keine kuppel im herkömmlichen sinne, aber majestätisch ist sie auch. sie besteht aus bauern, fischern, priestern, nonnen, bischöfen, schwestern, brüdern, hie und da versprengt eine deutsche fachkraft. entweder sind diese leute ethnisch-territorial organisiert, das heißt in einer organisation, die afrokolumbianisch oder indigen sein kann und sich über die zugehörigkeit zu einem bestimmen territorium definiert – wie der rhein-sieg-kreis – oder sie sind teil einer kirchengemeinde, oder beides.

von besagten bistümern des pazifikraumes motiviert, traf sich diese mischung von menschen nun, mal mehr und mal weniger regelmäßig, in tumaco, guapi, buenaventura, quibdó, istmina und riosucio in lokalen kommissionen um zum beispiel folgendes zu erörtern: der staat hat eine geregelte wasserversorgung versprochen, die gibt es aber immer noch nicht. also zack, wird ein marsch organisiert, um ihn daran zu erinnern. oder: auffällig sind die gewaltaktionen der letzten zeit, was ist passiert? weiß man, wer dahinter steckt? die kommissionen zeigen es gegebenenfalls an bzw. informieren die öffentlichkeit. oder: es wird illegal gold abgebaut, wer ist alles involviert? mit welchem recht? wem gehört der boden? die lokalen kommissionen zeigen die konsequenzen auf.

kartoffelsalat, würstchen und sozialer friedeN

in kolumbien kann, wer die mittel hat, in relativem frieden leben, sagen wir in cali in einem hippen café sitzen, auf einer trendy terrasse cappuccino schlürfen und sich die sonne auf den pelz scheinen lassen. entzückende kolonialhäuschen erstrahlen im sauberen glanze... so gesehen sind die müllsucher und obdachlosen, über die man stolpert, wenn man das café verlässt, oder die es bis an den zaun der wohnsiedlung schaffen, nichts weiter als die ganz normalen verlierer des städtischen systems. man muss nicht zwangsläufig darüber nachdenken, wo die menschen herkommen und welches system sie hervorgebracht hat. ja, so cappuccino schlürfend, scheint selbst der bewaffnete konflikt unwahrscheinlich.

aber, wer es schafft, seinen blick über den milchschaum zu erheben, der sieht, dass nur wenige kilometer weiter östlich eine stadt in der stadt wächst, für die das städtische regelwerk nicht zu funktionieren scheint. aguablanca hat eigene regeln und ist eines der viertel, die sich aus den vertriebenen speisen, die täglich cali erreichen, weil für sie dort, wo sie herkommen, die überlebenschancen denkbar schlecht stehen. cali hat den beinamen pazifikstadt nicht nur aufgrund seiner geografischen nähe zur 117 kilometer weiter entfernten stadt buenaventura, sondern auch aufgrund der tatsache, dass viele der vertriebene vom pazifik stammen. will man der lokalen presse glauben, so waren es allein im vergangenen jahr 17.097 menschen, die cali erreichten, mehrheitlich aus der pazifikregion.

alt

ich sehe ein, dass es manchmal schwierig und anstrengend ist, die kaffeetasse abzusetzen, um zu sehen, was dahinter ist. das mag unter anderem daran liegen, dass die medien ein sehr unzureichendes bild der wirklichkeit spiegeln. und darum hatte die regionale koordination im falle des observatoriums irgendwann einmal beschlossen, die geschehnisse, welche die kommissionen so unermüdlich beobachten und dokumentieren, selbst in die welt zu kommunizieren. zunächst nach cali, wo eine art zentralkommission die informationen sammelt, systematisiert und analysiert. das macht sie von cali aus, weil dort weniger mit bombenanschlägen, stromausfällen und anderen widrigkeiten zu rechnen ist als in der region selbst, sprich man kann also auch ab und an mal ein bisschen nachdenken. außerdem ist es aufgrund der geografischen lage von cali aus relativ unkompliziert, in alle gegenden des pazifik gleichermaßen zu gelangen.

die zentralkommission (mit mir in ihrer mitte) kommuniziert nun ihrerseits weiter: über facebook, über eine dem observatorium eigene homepage, über pressemitteilungen, artikel... blogs etc. sagen wir mal, das tut sie, um einen dude in troisdorf über seinem kartoffelsalat aufzuschrecken. nicht etwa, um ihm zu sagen, dass seine kartoffeln gar nicht aus bornheim stammen und die wurst in wirklichkeit keine wurst ist, sondern um ihm informationen zukommen zu lassen, die es in der regel nicht bis nach deutschland schaffen. der dude nun, unser aller gewissen in persona, wird in zukunft bei jedem kartoffelsalat an mich denken. aber was viel wichtiger ist, er wird beim nächsten juwelkauf zum entzücken seiner gattin, dem troisdorfer juwelier ordentlich auf den zahn fühlen, um sicherzustellen, dass weder der güldene ring noch der anhängige klunker aus illegalen kolumbianischen minen stammen, die die gewässer im pazifik verschmutzen und kleinen, fünf und dreijährigen kindern lebensgefährliche quecksilbervergiftungen bescheren.

der dude, sensibilisiert für die probleme am kolumbianischen pazifik, ist ein verantwortungsvoller bürger und will, dass deutschland menschengerechte oder einfach nur soziale politik macht, auch außerhalb deutscher grenzen. er hat erkannt, dass diese politik wesentlich damit zu hat, ob und wie viel gold in kolumbien abgebaut wird und ob und wie viel wasser die menschen am pazifik zu trinken oder zu baden haben und ob die wurst in seinem kartoffelsalat noch eine wurst ist. also wählt er bei der nächsten wahl entsprechend dieser erkenntnisse; deutschland ändert sich in der folge, is' klar, europa ändert sich, man macht ein bisschen druck auf kolumbien – und tatatata: LA PAZ SOCIAL!

alt [wahlplakat in buenaventura: dein ist die macht]

es könnte auch gut sein, dass der dude advokat ist und als eu-sonderbeauftragter für menschenrechte in brüssel der angie bei gelegentlichen treffen persönlich auf die finger klopft. der sechser im lotto: deutschland ändert sich...

und das observatorium ist endlich die soziale warte, die es immer sein wollte: hat beobachtet, was so läuft am pazifik, hat dokumentiert und analysiert, was es beobachtet hat, hat kommuniziert, was es dokumentiert hat und hat außerdem, dem dude sei dank, ziemlich erfolgreiche lobby- bzw. advocacyarbeit geleistet.

aber eigentlich sollte das ganze in erster linie al revés funktionieren: fulano sitzt abends in medellín über seiner arepa mit käse, als eine facebooknachricht der regionalen koordination über eine von der guerilla gesprengten ölpipeline in tumaco ihn aus der passivität reißt...

so einfach ist das, mehr wollen wir gar nicht. nur ein observatorium mit nebenwirkungen. also doch nix astronomisches.