15.9.15

die geschichte vor der geschichtE

so vieles zu berichten. zum beispiel war ich mitte august mit kollegenfreund a. in lópez de micay. warum? weil es da einiges zu observieren gibt, natürlich.

alt

wer fleißig mitgelesen hat, der erinnert sich, des observatoriums großes interesse gilt derzeit den bergbauaktivitäten flussauf- und flussabwärts. nicht etwa, weil wir den besten liegeplatz für unseren bagger auskundschaften wollten, sondern weil, na weil wir eben gerne wüssten, was das so für konsequenzen für die leute hat, die dort leben. und was mögliche lösungen sein könnten.

so einfach ist das gar nicht, unsere kleine veranstaltung in lópez zu organisieren. eigentlich ist die nämlich schon für ende mai vorgesehen, doch da geht es mit einem mal drunter und drüber und wir müssen alles auf august verschieben. die vorgeschichte dazu ist die:

im april hatte ein trüppchen soldaten im bezirk cauca die mission, sich einen berüchtigten guerillaanführer zu schnappen, also schlich es heimlich – sofern das eben geht mit einem trüppchen und in einem gebiet, das von der farc kontrolliert wird – durch die ortschaft buenos aires und checkte die lage. des nachts legte es sich müde, vor regen und dunkelheit schutz suchend (o-ton wochenzeitung semana), in einer nahen schule schlafen. sie verzichteten ausnahmsweise auf die wache, denn sie fühlten sich geschützt vom im dezember letzten jahres einseitig erklärten waffenstillstand der farc (ebenfalls o-ton).

überraschen oder überrascht werden, dachte sich die guerillafront, der die suche galt und eröffnete das feuer... elf militärs starben, 17 wurden verletzt und die nationalen medien stellten sich die frage: wie konnten die farc so etwas nur tun?

die krux liegt im einseitig erklärten waffenstillstand, soll heißen, nur von der farc und nicht von regierungsseite aus deklariert. mit dem haben sich die farc nämlich im falle eines angriffs auch das recht auf verteidigung vorbehalten. jetzt ist natürlich die frage, was war angriff und was verteidigung? bzw. darf man sich auch verteidigen, wenn es sich nur um eine ganz normale militärische operation handelt und nicht um ein gefecht im herkömmlichen sinne? schwierig alles.

in der folge wurden die friedensverhandlungen in havanna eingefroren, das vertrauen in die guerilla war erst mal dahin (wenn es jemals da war). präsident santos hob die bombardierungspause wieder auf (nicht dasselbe wie ein waffenstillstand) und die farc waren in erklärungsnot. sie beriefen sich auf ihr verteidigungsrecht und beeilten sich zu versichern, dass der waffenstillstand weiterhin aufrecht erhalten bleiben sollte.

alldieweil wurde es mai und das militär setzte zum vergeltungsschlag an, das ziel: die front 29 der farc in guapi. und damit wären wir auch wieder am pazifik angekommen. der bombenangriff des militärs brachte 26 guerillakämpfern den tod. aber nicht nur das, er sorgte auch für eine offizielle aufhebung des waffenstillstands der farc. das große säbelrasseln am pazifik begann.

zeig mir deinen säbel, ich zeig dir meineN

so ein säbelrasseln hat einen ganz perfiden sinn, nämlich chaos, angst und schrecken zu verbreiten, so dass die erschreckten (in der regel die zivilbevölkerung) sich nach den paradiesischen zeiten des waffenstillstands zurücksehnen. wer ihn dann deklariert, kann als held zurückkommen und sich vielleicht sogar vertrauen erhandeln.

aber zunächst einmal hat so ein säbelrasseln ganz greifbare nachteile für diejenigen, die es über sich ergehen lassen müssen. dazu gehören die 463 von den kriegsgefechten vertriebenen menschen in guapi, die 335 vertriebenen in lópez de micay, die ca. 600 von der schulpflicht befreiten kinder; dazu gehören die einwohner tumacos, die innerhalb von drei tagen fünf bombenexplosionen mitten in der stadt erfahren, glücklicherweise ohne unmittelbare zivile opfer; dazu gehören auch die priester in barbacoas, die sich mit der tatsache abfinden müssen, dass ein polizist aus versehen eine bombe zündet, die ihnen mal eben das dach über den köpfen wegbläst.

und schließlich geben die farc durch sprengung der ölpipeline ecopatrol ende juni, einflussgebiet der diözese tumaco, noch ca. 10.000 barrel (1.589.870 litern) rohöl freigang. das verteilt sich verlässlich im dichten flussnetz von strömung zu strömung und sorgt für eine humanitäre und ökologische katastrophe. 7.000 familien, die in und von den flüssen leben, können sich nicht mehr versorgen (wasser, fisch etc.). soviel zum säbelrasseln.

alt

[foto © diözese tumaco/coordinación regional]

solange gerasselt wird, bleibt zu hause wer kann und eines hat. so auch das observatorium, das ja eigentlich seinen berühmten workshop in lópez de micay just im mai durchführen will. doch unser gemeindeprister des vertrauenes vor ort hat gerade andere sorgen. seine kirche befindet sich in schusslinie, er musste eine herberge beziehen, und nein, unter diesen umständen sei es sicher besser, den besuch auf einen nächsten waffenstillstand zu verschieben.

der kommt schließlich auf viel druck der sozialen und internationalen organisationen mit dem 20. juli, erst einmal für einen monat, aber wahrscheinlich bis november, so die farc. auch santos zieht mit neuerlicher suspendierung der bombardierungen nach (nein, immer noch kein bilateraler waffenstillstand). man einigt sich sogar auf einen gemeinsamen plan zur deeskalation.

geht doch. können wir jetzt endlich mal wieder über bergbau reden?

inteRríO-expresS

mir nichts, dir nichts reisen wir also nach lópez. das sind, je nach wasserstand und verkehr, acht stunden im boot von buenaventura aus.

alt

dem geschrei im boot nach zu urteilen, befinden sich die besten plätze hinten. die bootsbesitzer schreien am lautesten und bringen ordnung in den haufen. schwangere, frauen mit kindern und herrschaften deutlich fortgeschrittenen alters dürfen sich auf die hinteren sitzbänke drängen, alles andere muss sich anderweitig verteilen. wer nicht aufpasst, landet ganz vorne und darf sich auf eine achterbahnfahrt durchs wasser freuen. die schläge, wenn das boot von den wellen herunterkommt, sind dort am härtesten.

wir ergattern einen platz in der mitte am rand. heute verzichte ich auf kaffee, denn es wird nur einen halt mehr oder weniger auf der mitte der strecke geben. die männer, die es bis dahin nicht schaffen, erleichtern sich über den bootsrand, die frauen hingegen müssen die bootsführer erst einmal von einem halt am ufer überzeugen. je nach dem durch was für gebiete man gerade fährt, kann das schwierig werden, waffenstillstand hin oder her. also, besser gar nicht erst trinken.

die ersten zweieinhalb stunden gehen übers meer, kein nennenswerter wellengang. ich schaffe sogar ein nickerchen, aber so richtig erholsam ist das nicht, der kopf wackelt, die schwimmweste nervt. aber da sind sie ganz streng hier, ausziehen is' nich', safety först. apropos safety, wir haben mindestens vier fässer benzin an bord...

alt

als wir das meer schließlich hinter uns lassen und in den fluss micay einbiegen, fallen zwei sachen auf, die schönheit der landschaft und die ab- bzw. zunahme der gespräche, je nach dem um welche kurve wir gerade fahren, oder besser gesagt, je nach dem wer gerade dazu steigt. fotos machen ist hier verboten, wer auch immer sich in dieser traumhaften landschaft versteckt, will nicht fotografiert werden. angetan von der natur filmt ein mann mit seinem handy. der sitznachbar gibt ihm ein zeichen. weg mit dem ding oder es geht über bord. oder du.

in noanamito frühstücks- und toilettenpause, die hälfte scheint geschafft. flussaufwärts werden wir langsamer. der wasserstand ist niedrig und der bootsführer muss wiederholt stoppen, den motor aus dem wasser ziehen und das boot um sandbänke manövrieren. es hat nicht genug geregnet, nichts ungewöhnliches für diese jahreszeit. trotzdem, der wasserstand müsste höher sein. der grund sind die bagger weiter flussaufwärts, sie graben auf der suche nach gold sowohl das ufer als auch das komplette flussbett um, die ablagerungen lassen das flussbett an anderer stelle ansteigen.

wenn's nicht mehr fließT

haben die dorfgemeinschaften, die entlang des fluss leben, ein problem. sie werden sich in zukunft immer mühsamer auf dem fluss bewegen können. wer also mal stadtluft in buenaventura schnuppern will, oder zum nachbarn drei kurven weiter tuckern, braucht den fluss, denn der ist gleichzeitig straße. oder, es könnte auch sein, man will niemanden besuchen, sondern muss mit nahrungsmitteln versorgt werden, weil der fluss selbst nur noch geringfügige schildkrötenmengen führt und auf der eigenen parzelle der anbau schwierig ist. möglicherweise ging die nämlich unfreiwillig an die menschen im dezenten grün oder an die frauen und männer mit den baggern und dem quecksilber.

alt

lebensmittel werden also nicht mehr genügend produziert, sondern müssen auf größeren kähnen erst einmal herbeigeschafft werden, aus städtischen zentren, wie buenaventura zum beispiel. diese kähne sind aber mittlerweile zu schwer für den wasserspiegel. das heißt, sie brauchen lange, und weil sie lange brauchen, verbrauchen sie viel benzin, und weil das benzin teuer ist, sind es die lebensmittel in lópez auch. und weil die lebensmittel geld kosten, was in lópez keiner hat, gibt es schon wieder eine humanitäre krise. was ist das nur mit dem verflixten bergbau? wir müssen wieder selber mehr nahrungsmittel in der region anbauen, die teilnehmer unseres workshops sind sich einig.

der hexer, der schuster, die schneiderin und der priesteR

das sind im übrigen alles pfiffige köpfe, soziale anführer aus den umliegenden gegenden. sie denken mit und sie haben ideen, aber sie sagen nicht immer, was sie denken, denn sie haben angst, dass eine der morddrohungen irgendwann wahr gemacht wird. außerdem, sie kennen die anderen teilnehmer – aber dann auch wiederum nicht. warum zum beispiel muss der mit den gummistiefeln da drüben nun schon zum dritten mal zum telefonieren heimlich um die ecke gehen? sonst hat auch keiner ein problem damit, das telefon während der gruppendisskussion zu beantworten.

wer es nicht schafft, in den ersten momenten der veranstaltung das vertrauen der teilnehmer zu gewinnen, vertut seine zeit. zum glück ist a. mit von der partie, der ist meister in der sache. er macht witzchen auf meine kosten, alle lachen, das verbindet.

a. ist auch padre und das gibt ihm eine narrenfreiheit, die andere nicht haben und gleich mal einen vertrauensvorschuss. er startet eine präsentationsrunde, bei der niemand sagen muss, wer er wirklich ist. er beginnt, ich bin a., der hexer dieses dorfes. wer bist du? der nächste wiederholt, was er gehört hat und schließt, ich bin f., der schuster dieses dorfes, wer bist du? alle kichern. er wendet er sich an seine nebenfrau, das ist die tänzerin. die runde schließt mit mir, ich muss mir fünfzehn personen merken, sie vorstellen und bin selbst der priester. ein lustiges spiel, alle haben spaß daran, wie ich mit verdrehtem akzent die namen wiederhole. später fällt mir auf, wie die teilnehmer, wenn sie eine wichtige bemerkung machen, gleichzeitig in distanz zu ihr treten, in dem sie anhängen sagt der schuster... der mechaniker... die schneiderin... und kichern wieder.

die disskussionsrunde kommt in fahrt. der professor sagt, der bergbau gehört zum pazifik. gold hat es hier immer schon gegeben, früher haben die leute halt kein quecksilber benutzt und auch keine bagger. sie haben händisch mit der schüssel geschürft und so ihr einkommen aufgebessert. er denkt, man solle nicht auf die goldsuche verzichten, sie sei eben auch ein stückweit kulturelles erbe. er weiß, es gibt hier böden, die sind für die landwirtschaft vollkommen ungeeignet, da wächst nix, nur gold. sein vorschlag, eine fundierte untersuchung der böden und eine anschließende unterteilung in für die landwirtschaft geeignet und in für die landwirtschaft nicht geeignet. und klar, dann muss es verbindliche konditionen geben, umweltstandards, kein quecksilber, kein zyanid, bagger dürfen eine bestimmte größe nicht überschreiten, abgebaut werden darf nur bis zu einem bestimmten maß. die erträge müssen ganz klar den dorfgemeinschaften zugute kommen, keine einzelbereicherung, erst recht kein abfliessen der gewinne an ausländische konzerne, die den reichtum der region verschiffen und verwüstung zurücklassen. aber dafür muss der kolumbianische staat auch mitmachen, den konzernen nicht durch aberwitzige steuervergünstigungen in die hände spielen, die territoriale autonomie der gemeinschaften anerkennen.

immer dieser zwanzigstE

während die teilnehmer auf dem boden über einem großen papier brüten und gemeinsam aus dem kopf den bezirk lópez zeichnen, mit den flüssen, weilern, konfliktzonen und baggern der region, macht noch ein anderes thema die runde. morgen wird der waffenstillstand der farc einen monat alt, bisher gibt es noch keine ankündigung auf verlängerung.

alt

der mechaniker zeichnet feinsäuberlich fünf kokospalmen in die entstehende karte auf dem boden, unter die die tänzerin punto coco schreibt. er empört sich. der 20., was ist das überhaupt für ein datum? immer muss alles bis zum 20. erledigt sein. bezahlen sie bis zum 20., geben sie bescheid bis zum 20., abholung bis zum 20. der 20. verfolgt mich. der schuster schlägt vor, den 20. einfach zu streichen. morgen könnte genausogut der 21. sein.

in der nacht explodiert eine bombe, es folgt eine gewehrsalve. unter meinem moskitonetz suche ich nach der taschenlampe. ich finde nur die uhr, die sagt fünf nach halb sechs. draußen höre ich wie a. und die zwei anderen padres durchs haus huschen, fenster und türen verriegeln. ich versuch es noch mal mit der uhr, die hatte ich wohl al revés. jetzt, unter dem licht der taschenlampe, sagt sie fünf nach zwölf. na prima, denke ich. die aufregung im haus scheint sich in grenzen zu halten, keiner klopft an die tür, also wird es nicht so schlimm sein. ich schlafe wieder ein.

die nacht bleibt ruhig, keine weiteren explosionen. am nächsten morgen fällt der unterricht in der schule aus. a. empört sich. dass ich einfach so weiterschlafe, er hat die ganze nacht kein auge zugetan. warum er mich nicht geweckt hat, will ich wissen. ähm...

die líderes kommen trotzdem heute wieder zu unserer veranstaltung. für sie ist die bombe keine überraschung. für mich umso mehr, denn padre f. hat bei der polizei angerufen und die hat gesagt, das sei das militär gewesen. außer mir findet das niemand ungeheuerlich. für die anwesenden hat sich bestätigt, was sie befürchtet hatten. sie zeichnen die karte weiter.

unterdessen hat a. meine fragerei satt und schickt mich mit padre f. zur polizeiburg, die liegt praktischerweise genau neben der kirche. soll ich bei denen doch direkt fragen, warum sie auf die idee kommen, eine bombe zu zünden. wie jetzt, sage ich, einfach hingehen und fragen? na klar, sagt a. du siehst mehr oder weniger exotisch genug aus, mit mir reden die gar nicht. aha.

alt

werdet weicH

als er padre f. erkennt, kommt der wachhabende polizist hinter seinen sandsäcken hervor. der gibt das wort an mich. ich fasel irgend etwas von deutschland und zu besuch, frage nach der explosion von letzter nacht.

kein grund zur sorge, das war das militär. das sorgt mich gerade. ich frage weiter, warum? könnte das nicht als provokation verstanden werden? heute, wo doch der waffenstillstand noch nicht verlängert wurde? er guckt mich mitleidig an. das nennt man aufweichungstaktik (noch nie gehört), vielleicht solltest du das militär fragen. die machen ihres und wir machen das unsere.

die da? frage ich und zeige auf vier soldaten, die sich langsam in ihrer kriegsausrüstung den berg heraufquälen und offensichtlich zu ihrer eigenen burg unterwegs sind. der polizist ruft sie herbei. warum willst du das wissen? das – perdon – der militär schaut mich skeptisch an. na ja, sag ich, in deutschland hat man bereits von der bombe letzte nacht gehört, und jetzt fragt sich natürlich ganz besonders die presse, was hier los ist. so, so. fragt sie sich das? na klar. und sie fragt sich auch, ob so eine aufweichungstaktik nicht unnötigerweise die gegenseite provoziert und dadurch die zivilbevölkerung einem erhöhten risiko ausgesetzt wird, schließlich ist das heute nicht irgend ein tag.

die soldaten haben jetzt keine lust mehr, wer weiß, wo die die nacht verbracht haben. so frisch sehen sie nicht mehr aus. quatsch, sagt der wortführer, da passiert überhaupt nix. ciao. das gespräch ist beendet. padre f. und ich machen uns auf den rückweg. ich hab immer noch nicht verstanden, was genau eigentlich aufgeweicht werden soll.

auf dem rückweg zur kirche erinnere ich mich an den rundgang durchs dorf vom vortag. ein trupp polizisten, von soldaten kaum zu unterscheiden, begrüßt padre f. übertrieben freundschaftlich. der kommandant klopft ihm auf die schulter und fragt, padre, wann machst du noch mal eine messe für uns? so mit der dorfgemeinschaft und so? wir sind hier völlig desintegriert. ja, sagt padre f., bald.

als sie weiterziehen frage ich, ob sie dann in voller kriegsmontur in der kirche sitzen. leider, sagt padre f. keine waffen in der kirche, sag ich immer, also kommen sie lieber gar nicht. er seufzt, für die messe werd ich wohl in ihre burg gehen müssen. oje, sag ich. padre f. schaut mich an, was soll ich machen? gott ist für alle da.

zurück im pfarrhaus diskutieren die teilnehmer auf der karte liegend, ob es im fluss xy vier oder nur drei wasserfälle gibt, die sie einzeichnen müssen. gedanklich fahren sie den fluss ab. vier. der eine hat halt nicht immer wasser. sie legen letzte hand an die karte, die sie erschaffen haben und radieren eine palme aus. beeindruckend, alles aus dem kopf gezeichnet.

inzwischen kommt die nachricht, dass der waffenstillstand bis november verlängert wurde, da haben wir gerade unsere mitteilung zur aufweichungstaktik des militärs im observatorium veröffentlicht. in lópez ist man diesmal jedenfalls nicht weich geworden.

flusstaufE

unser workshop geht nach einer beeindruckenden präsentation der karte seinem ende entgegen. diese karte hat informationen, da träumt google nur von. ich bin beeindruckt von der präzision mit der diese karte gemalt, gezeichnet, diskutiert und beschrieben wurde. diejenigen, die nicht schreiben oder zeichnen können, saßen daneben und haben korrigiert, vorschläge gemacht, ihr unendliches territoriales wissen beigesteuert. mein gott, würde ich mal den weg zum bahnhof so gut kennen...

es passiert auch ein kleines wunder, wir haben unsere teilnehmer motivieren können. sie wollen mit uns in kontakt bleiben, lópez zu mehr sichtbarkeit verhelfen. das ist definitiv der größte gewinn unserer reise.

padre a2 kauft später an diesem nachmittag einen kanister benzin, wir machen eine spritztour. wir verlassen das urbane zentrum von lópez. keine sieben km weiter passieren wir mit dem boot die gehöfte, die von ihren besitzern vor zwei monaten noch fluchtartig verlassen wurden als die guerilla, die in den bergen dahinter verborgen bleibt, und das militär auf der anderen seite des flusses, sich gegenseitig bombardierten. alles sieht so friedlich aus. und doch harren noch immer 100 vertriebene keine sieben km weiter im städtchen in einer leerstehenden schule. sie gehen nicht zurück, sie haben angst. und alles, was sie von der angst trennt, ist ein fluss.

alt

unser boot fährt in eine dunkle wolkenfront, biegt in einen kleineren fluss ein, schlängelt sich geschickt durch den hindernispacour aus ästen, sandbänken und strudeln. es beginnt zu regnen als wir unser ziel erreichen, einen fluss mit kristallklarem wasser, einer kiesbank, üppigem grün an den ufern. wir stürzen uns in die fluten, wasser von oben und wasser von unten. und sauber. und unheimlich schön, paradiesisch. es scheint eine ewigkeit her, dass ich mich zuletzt so friedlich gefühlt habe, so weit weg von allem wirklich bekannten und doch irgendwie zuhause, in guter gesellschaft. alle verspanntheit, alle frustration der letzten wochen, da ziehen sie dahin mit der strömung. so einfach ist das also.

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das bad dauert gerade mal zwei stunden, dann müssen wir zurück, denn es beginnt zu dämmern. es kommt mir vor als hätte ich zwei wochen urlaub gemacht. und irgendwie fühl ich mich so – aufgeweicht...

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