15.4.3

verspätet, aber doch, nun mein blog. nachdem ich mich im vergangenen jahr mit nachrichten und fotos doch sehr, sagen wir mal zurückgehalten habe, nun der versuch, wieder ein bisschen sichtbarer zu werden und meine observationen aus anderthalb jahren kolumbien und denen, die noch kommen werden zu teilen.

der alltag in kolumbien, vor allem die arbeit im observatorium und der damit verbundene einblick in die kolumbianischen lebensrealitäten, die nirgendwo kontrastreicher sind als hier, bieten viel stoff, zum schreiben, zum nachdenken. und vor allem sich zu empören.

was mich an kolumbien immer wieder beeindruckt, ist die vielzahl an sozialen bewegungen und die ausdauer mit der einem menschenverachtenden wirtschaftssystem und der ungerechtigkeit im land widerstand geleistet wird. ein verzweifelter widerstand manchmal, der selbst immer wieder aufs neue widerstände zu überwinden hat (und sicher lässt sich auch über die erfolge streiten), aber es gibt ihn und er träumt al revés, andersherum. dass menscheninteressen vor wirtschaftsinteressen kommen. dass benachteiligung aufgrund von herkunft, hautfarbe, geschlecht oder sexueller orientierung schnee von gestern sind. dass der politische staat im dienste seiner bürger arbeitet. dass der süden sich an seinen eigenen kulturellen und sozialen bedürfnissen orientiert und nicht an denen eines vermeintlich überlegenen nordens bzw. westens. dass das gute leben jenseits konsumorientierter werte möglich ist.

der traum von unabhängigkeit, politischer partizipation, einem guten leben und der anerkennung kultureller rechte ist ein vielgeträumter traum, nicht nur auf dem südamerikanischen kontinent. naiv? mag sein, aber ich glaube, wir müssen ihn träumen, wenn wir einen unterschied zu dem iphone machen wollen, das wir besitzen.

viele der sozialen anführer, die sich in kolumbien für die verteidigung ihrer wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen und ökologischen rechte einsetzen, werden mit dem tod bedroht. sie leben tagtäglich mit der möglichkeit, diesen traum vom anderen kolumbien nicht mehr zu ende träumen zu können, so wie die siebenundvierzig menschenrechtsverteidiger, die 2014 ermordet wurden. trotzdem machen sie weiter. und wenn sie umgebracht werden, kommen andere nach. widerstand in kolumbien ist gefährlich, aber keinen widerstand zu leisten ist es auf lange sicht auch, denn wir verlieren unsere lebensgrundlage.

wir, denn zu glauben, dass die landenteignungen, vertreibungen, morde und umweltverschmutzungen, die im namen des vermeintlichen fortschritts, den uns ein entfesselter kapitalismus verspricht, nichts mit uns in deutschland zu tun haben ist wirklich naiv. auch in deutschland essen wir, trinken wir, heizen wir, sprich konsumieren wir, besser gesagt gerade in deutschland. und während die auswirkungen uns verzögert erreichen, haben sie in ländern wie kolumbien und in regionen wie dem pazifik längst zu einer humanitären katastrophe und einem überlebenskampf geführt.

die us-amerikanische künstlerin jenny holzer ist in den 1990er jahren vor allem durch ihre truisms bekannt geworden, verdichtete textminiaturen, die in städten auf der ganzen welt großflächig auf häuserwände projiziert wurden. der wohl bekannteste dieser texte lautet:

alt bildquelle

für mich gibt es keinen text, der das dilemma des kapitalismus präziser zusammenfasst als dieser. mein persönliches dilemma. das dilemma vieler afro und indigenen gemeinden im kolumbianischen pazifik. dieses aufzurollen, habe ich mir hiermit vorgenommen. es wird natürlich um das gehen, wozu ich nach kolumbien gekommen bin, aber auch um ganz allgemeine einsichten und meinungen, die mir ein leben in und mit kolumbien anträgt.

al revés ist der versuch, die ordnung der dinge einmal von der anderen seite zu verstehen. fühlt euch eingeladen.